Eine kurze Vorstellung des Zylinders - DER Kopfbedeckung für Herren im 19. Jahrhundert.

Obwohl zylinderartige Kopfbedeckungen für Herren schon im Mittelalter bekannt waren - ein bekanntes Beispiel findet man in van Eycks "Arnolfini Hochzeit" von 1434 - so setzt sich im späten 18./frühen 19. Jhdt der Zylinder als Kopfbedeckung für Herren durch und wird für mehr als ein Jahrhundert ein fester Bestandteil männlicher Mode. Wie der Dreispitz im 18. Jhdt, wird er im Laufe des 19. Jhdts fast zum Synonym für die Zeit selbst und eines der augenscheinlichsten Symbole für das städtische Bürgertum - diese Symbolkraft hatte er schon im späten 18. Jhdt., als er von Vertretern des Dritten Standes, als Abgrenzung zum DReispitz, der das Ancien Régime symbolisierte, während der Frz. Revolution getragen wurde.

In der Zeit um 1810 taucht der "hohe Hut", wie ihn zeitgenössische Quellen oft bezeichnen in verschiedenen Situationen auf: als Alltagskopfbedeckung bei Herren von Stand (die stilvolle Galakopfbedeckung ist hier oft noch der Zweispitz), als Alltagshut bei Bürgern, und auch als militärische Kopfbedeckung bei Bürgerwehren in Deutschland und Österreich (Beispiele sind hier die Bay. Nationalgarde III. Klasse, der Landwehr des Herzogstums Salzburg und der böhmischen und oberösterreichischen Landwehr), etwa ab der 1820er Jahre findet der Zylinderhut auch Einzug in die Tracht der Oberpfalz.

Der Begriff "Zylinder" ist allerdings modern, zeitgenösische Texte erwähnen ihn, wie oben erwähnt als "hohen Hut" oder als "Castorhut". der zweite Begriff spricht eher das Material (lat. castor = Biber) Biberhaar an, aus dem die Hüte gefilzt wurden. In seiner "Oekonomischen Encyklopädie" macht J.G. Krünitz 1783 die folgende Unterscheidung je nach Zusammensetzung des Hutes:

"Der biberhärene oder so genannte Castorhut muß bloß aus Biberhaar gemacht seyn, und darf von einem andern Hute, welcher denselben Nahmen führt, und dasselbe Gewicht hat in nichts unterschieden seyn, als durch die Wahl der Haare, indem der Grad der Schönheit in ein und eben derselben Art sehr unterschieden ist."

"Dreyviertel=Castorhüte. Man nimmt hierzu einen Theil Haare von englischen Kaninchen, selten von Hasen, und 2/3 Biberhaare. Von letztern nimmt man die eine Hälfte zum Grunde, und die andere zum Ueberzuge. 8) Ganze Castorhüte, welche bloß von Biberhaaren, und zwar 2 Theilen gebeitzten, und 1 Theil ungebeitzten Haar, bestehen, werden nur zum Meisterstück, und wenn sie ausdrücklich bestellt werden, gemacht."

"Was man halben Castorhut nennt, ist nicht etwa ein solcher Hut, welcher aus der Hälfte Biberhaaren besteht, wie man aus der Benennung schließen sollte. Nur der so genannte Ueberzug oder die Bedeckung wird davon gemacht. Ehedem mußte ein guter Halb=Castor 18 Loth wiegen. Er bestand aus einem Drittel peruanischer oder auch persischer Wolle, und zwey Dritteln Kaninchen= oder Hasen=Haare, oder statt dessen aus dem besten Kamelhaare, welches zusammen genommen 16 Loth wiegen mußte; und alsdenn bedeckte man ihn mit 2 Loth Biberhaare. Jetzt wiegen viele nur 12 Loth. Sie enthalten 6 Loth gebeitztes Hasenhaar, 4 Loth gebeitztes, und 2 Loth ungebeitztes Kaninchenhaar."

"Viertel=Castorhüre. Man macht sie entweder ganz von Hasenhaar, oder setzt zu diesen 1/4 Kamelhaare oder Vigogneswolle hinzu, jederzeit aber werden sie mit 4 bis 6 Loth Biberhaar überzogen. 6) Halbe Castorhüte, wozu 6 bis 8 Loth Biber=, ungefähr 4 Loth Kaninchen= und Hasen=Haar, und ein Par Loth Vigogneswolle genommen wird. [...]Dieses sind die Haupt=Gattungen der Hüte. Es hat aber jede Gartung wieder besondere Unter=Gattungen, nach dem die Hüte feiner und besser, oder gröber und schlechter werden sollen, und man in dieser Absicht die Materien wählet und vermischet. In Berlin werden Hüte von 10 Gr. bis 8 Rthlr. das Stück, gemacht. Große Hut=Manufacturen pflegen selten die schlechtesten Sorten von Hüten für den gemeinen Mann zu machen, sondern sie überlassen solche den Hutmachern, welche einzeln für sich arbeiten, und mit ihrer Waare die Jahr=Märkte bereisen. Doch übernehmen große Hut=Manufacturen ganze Lieferungen für die Armee."

Neben schwarzen bzw. dunkelbraunen Hüten aus langflorigem seidenem "Zylinderpöüsch", dem erst der "Strich" die gewünschte Ausrichtung hab, gehörten leichte Sommerhüte aus Stroh- oder Roßhaargeflecht zum modische Repertiore des frühen 19. Jhdts. - übrigens quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Der hier gezeigte Zylinder mit bayerischer Kokarde wurde nach Abbildungen aus dem Regensburger Raum aus der Zeit von etwa 1810 von Anton Grotz hergestellt.

 

 

Zeitgenössische Abbildungen aus Regensburg: